Gestatten: „Tonarzt"

Gesundheitliche Prävention funktioniert nicht ohne eine "gesunde Seele", eine ausgeglichene Gemütsbalance. Als erfahrener Musiker, Klavierpädagoge, Pädagoge und „Hobbyneurobiologe“ bin ich mir sicher, dass eine Neustruktuierung bzw. Anpassung des Schulsystems an die Anforderungen des menschlichen Gehirns und der zukünftigen Berufe unter gesunden Begleiterscheinungen notwendig ist.

Einführung

Bedeutende Gehirnforscher „singen es von den Dächern". Sowohl Prof. Dr.Dr. Gerald Hüther, Prof. Dr.Dr. Manfred Spitzer als auch viele andere Neurobiologen wissen, dass der freie und damit selbstbestimmte Gestaltungsspielraum für das Gehirn eines Heranwachsenden bis zum Abitur durch G 8 auf ein Minimum reduziert worden ist. "Zurück in die Zukunft" heißt es jetzt, wenn die Zeit bis zum 18.-19. Lebensjahr wieder kreativ und gehirngerecht genutzt werden kann. Berufe der Zukunft werden Kreativitätspotential, Vorstellungskraft und Erfindungsgeist einfordern, wie nie zuvor. Wir sollten statt Köpfe zu UNTER -richten, diese lieber AUFzurichten und den jungen Menschen die Möglichkeit geben, ihre Potentiale naturgemäß zu entfalten. Das neuronale Netzwerk dürstet nach einem Entdeckergeist, der nachhaltiges Lernen, das Speichern des Wissens erst ermöglicht. Nur wenn wir mit Freude lernen, haben wir langfristig mentalen und damit wirtschaftlichen Erfolg. In dieser Sache, kann die Musik bestenfalls aktiv aber auch passiv in ganzer Pracht wirken und maßgeblich unterstützen. Petra Gerster, die Moderatorin der "heute" Nachrichten war es, die vor einigen Jahren von der Britschool in London berichtete, die im Durchschnitt ein hohes Abschlussniveau aufweist, weil dort u.a. jeden Nachmittag aktiv Musik in Ensembles gemacht wird - nicht verwunderlich! Die musikalische Tätigkeit balanciert die kognitive Belastung des Schulalltags aus und sorgt für ein neuronales Wohlempfinden im limbischen System des Gehirns. Stress und negative Gefühle finden ihr Ventil. 

 

Als Initiator der Tonarzt Reihe in den Jahren 2009/2010 mit der Ärztekammer Westfalen Lippe in Münster unter dem Präsidenten Dr. Windhorst, machte ich die Thematik der Dialektik von Musik und Medizin zum Hauptthema. Bekannte Hirnforscher wie Prof. Dr. Speckmann, Prof. Dr. Altenmüller und Frau Prof. Dr. Dr. Pfleiderer referierten über dieses Thema und hinterließen beim Publikum einen großen Eindruck von der Wirkungsweise von Musik. Diese beiden Veranstaltungen beeinflußten auch nachträglich meine Einstellung zum effektiven Lernprozess in der Schule und den Lernanstalten dieser Welt - nicht ohne Musik! Die Politik ist nun gefordert diesen Weg finanziell zu unterstützen. Der Wille zum Belohnungsaufschub sollte sehr groß sein. Der Erfolg wird sich erst später einstellen. Den Gedanken, jede Investition sofort spürbar zu machen, müssen wir verabschieden. Politiker selbst und die Gesellschaft müssen sich in ein „Trainingslager“ des Belohnungsaufschubs begeben und das auch leben. Dann wird der Erfolg in ein paar Jahren umso gewaltiger erlebt werden. Wir sind das Land der Dichter und Denker…


Musik ist Leben

Das Herz: ein pulsierendes 300 Gramm schweres Organ. In 75 Jahren Lebenszeit schlägt es etwa 2.365.200.000 mal. Eine Leistung, die unvorstellbar erscheint. Aber auch der „Organismus Musik“ hat diese Energie, die vom Puls bzw. vom Rhythmus getragen wird. Wie das Herz und damit der Mensch unter partiellen und länger andauernden Rhythmusstörungen leiden kann, so vermag auch pulsierende Musik gute oder schlechte Wirkungsweisen hervorzurufen. Von einem gleichmäßig pulsierenden Klangbild ausgehend, kann sie ohne Zweifel ausgleichende, hochkonzentrierte und beruhigende Wirkung entfalten. Das trifft insbesondere auf das Klangbild eines Mozart oder Johann Sebastian Bach zu. Die berühmten Goldbergvariationen schrieb Bach als „Medikament“ für einen von Schlafstörungen geplagten Freund. Mozartmusik hat die Eigenschaft, den Geist und damit die Konzentration auf das Schärfste zu fokussieren und über längere Zeit Ruhe und damit die Voraussetzung für größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ist diese Zustandsbeschreibung nicht die ideale Ausgangssituation, um gesund zu bleiben, Großes zu leisten und damit glücklich zu sein? Gerade heute erscheinen unzählige Bücher über Themen wie Glück, Kraft, Ruhe und Konzentration. Sie sind mehr als nur anzustrebende Grundstimmungen. Sie rhöhen das Wirtschaftswachstum einer jeden Industriegesellschaft um ein Tausendfaches. Nur ist für diesen Zustand eine im besten Sinne gute Geschmacksbildung mittels Wissensakkumulation obligatorisch. Geschmack wird durch Wissen gebildet. Hier ist nunmehr die Politik gefordert, diese pädagogischen Kräfte ausreichend zu fördern, die humanistische Ausbildung und damit auch die Musikausbildung in den Schulen der Länder um ein gehöriges Potential voranzutreiben. Viel zu sehr wird dieser Lernbereich in den Schulen belächelt und als Nebenfach deklariert. Welch großer Irrtum im Denken eines kreativen Lernsystems! Stellen Sie sich vor, die Musik würde gleichsam per Gesetz abschafft werden. Die langfristigen Nachwirkungen wären katastrophal. Die Weltsprache schlechthin, die mit einer gewaltigen emotionalen Kraft durch die Jahrtausende Menschheitsgeschichte aufgeladen bzw. genährt wurde, würde den Menschen gewaltsam entzogen. Ein unvorstellbarer Zustand, der die Seele und das emotionale Gleichgewicht zur Rationalität des Menschen in seiner Existenz und Essenz zerstören würde. In den vergangenen Jahrzehnten sind von wissenschaftlicher Seite enorme Anstren­gungen unternommen worden, das Gehirn in seiner Komplexität und Funktionsweise zu verstehen. Zahlreiche Experimente, Studien und Forschungs­ergebnisse attestieren, dass durch die Wahrnehmung von selektiv ausgesuchter Musik konkrete Stimmungen hervorgerufen werden können. Man betrachte nur den Bereich Filmmusik. Klänge wandeln und verstärken hier die visuellen Eindrücke in ganz konkrete und wirksame Emotionen um. 

Die unterschiedlichsten Partitionen des Gehirns sind im höchsten Maße bei der Aufnahme von Klang, Rhythmus, Melodie und Harmonien beteiligt. Das aktive Musizieren unter MRT-Aufnahmen zeigt noch intensivere Einblicke in der Mobilisierung fast aller Gehirnbereiche. Demzufolge steuert die Nerven- und Hormonzentrale Gehirn den gesamten Organismus des Menschen. Wenn man bedenkt, dass 75 % Prozent aller Krankheiten aufgrund vegetativer Dystonie und Dysbalancen in der Grundsteuerung des menschlichen Organismus entstehen,wird einem bewusst, wie sehr mentale Wahrnehmungsereignisse, wie die Musikaufnahme und aktives Musizieren, in der Gesundheitsbildung an Bedeutung gewinnen. Das Ohr ist das erste Organ, welches im Fötus des Mutterleibes entsteht. Das Ungeborene nimmt Musik, Schallwellen und alle Impulse außerhalb des Mutterleibes schon sehr deutlich wahr. Wissenschaftliche Untersuchungen beweisen, dass diese akustischen Einflüsse frühestes Leben positiv aber auch negativ beeinflussen können. Hier sei z. B. auch auf ein harmonisches Verhalten werdender Eltern hinzuweisen. Der wahrgenommene Klang formt den Menschen grundlegend in seiner Psyche. Musik ist Nahrung für die Seele. Eine gesunde Seele bedeutet Gesundheit für den Organismus. Folgerichtig bewirkt die Aufnahme selektiver Musik mehr Wohlbefinden. Umso wichtiger erscheint es, das zu tun, was wir schon lange wissen. Die Musikausbildung und damit die Geschmacksbildung viel mehr in den Vordergrund zu stellen. Stattdessen wird das aktive Musizieren in den Kindertagesstätten, Grundschulen und weiterführenden Schulen immer noch viel zu wenig oder gar nicht ernsthaft in den Lernprozess eingebunden. Bekannte Gehirnforscher wie Manfred Spitzer, Gerald Hüther, aber auch amerikanische Neurologen haben in zahlreichen Versuchsreihen und Studien herausgefunden, dass frühes Musizieren/Singen die sprachliche Entwicklung und Vernetzung des neuronalen Netzwerkes eminent fortschreiten lässt. Zudem wird die sozialpsycho­logische Entwicklung positiv auf den Weg gebracht. Das Hirn ist ein Sozialorgan. Auch das ist ein Statement einiger Hirnforscher unserer Zeit. Immer mehr wird deutlich, dass gute Entscheidungen aus Erfahrungen resultieren. Dieses implizierte Wissen ist mittels Musikbildung ausbaubar, da die Emotionen gewissermaßen trainiert werden, d.h. die irrationale Gedankenwelt des Menschen. Gute Führungskräfte aus allen Branchen müssen diese Eigenschaft in sich tragen, wenn sie verantwortungsvolle Entscheidungen treffen wollen. Die Musik stellt ohne Zweifel eine Bereicherung der Lebensqualität dar. Musik ist künstlerischer Ausdruck menschlichen Seins. Sie ist Sprache und fordert zum Kontakt, zur Kommunikation auf. Wie jede Sprache hat sie ihre Grammatik und ihre Vokabeln. Jede Reaktion des Musizierenden ruft eine Reaktion Hörender hervor. Kinder und Erwachsene erfahren das oft wie eine Zauberkraft, weil sie plötzlich Interesse und Zuspruch erhalten. Bis ins hohe Alter fördert das Spielen eines Instruments die Geselligkeit und anregende Bekanntschaften. Das Klavier, das in seiner Vielstimmigkeit allein gespielt werden kann, regt besonders zu Kreativität und weiterem Verständnis der Musiksprache an. Auf ihm kann in allen Stilrichtungen musiziert, in einfacher und komplexer Weise gespielt, solistisch oderbegleitend musiziert werden. Durch Klavierspielen - insbesondere bereits in der Kindheit - werden feinmotorische Fähigkeiten und die neuronalen Vernetzungen im Gehirn deutlich verstärkt. Die erhöhte Vernetzung zeigt sich in einer messbaren Steigerung der Intelligenz. Klavier spielen fördert ferner die Vernetzung der linken und rechten Hirnhälften und bewirkt somit eine bessere Verknüpfung von Klang und Rhythmusempfinden. Erfahrungsgemäß geht damit ein verbessertes Zusammen­spiel von Intuition und Analyse bzw. Gefühl und Ratio einher. Grundsätzlich aktiviert schöne Musik Zentren im Gehirn, die glücklich machen, und stimuliert das körpereigene Selbstbelohnungssystem. Erst die Gesamtheit aller Teil­intelligenzen macht das ganze Spektrum der menschlichen Fähigkeiten aus. Es ist also sehr sinnvoll, die Gesamtheit der Teilintelligenzen zu fördern. Das Musizieren stellt vielfältige Beziehungen unter diesen Teilintelligenzen her. Musizieren ist eine integrierende Tätigkeit, die Verstand, Gefühle und Körper verbindet. Praktischer Musikunterricht entwickelt die ganzheitliche Persönlichkeit. Folglich geht es beim Musikunterricht nicht allein um Musik, sondern auch um die Nebenwirkungen wie affektive, kognitive, soziale Entwicklung und Intelligenz. Praktischer Musik­unterricht verbessert die Konzentrationsfähigkeit, erhöht die emotionale Stabilität und die soziale Kompetenz und steigert die Schulleistungen insgesamt. Damit ist klar, wie dringend wir praktischen Musikunterricht für eine ganzheitliche Bildung des Menschen brauchen. Martin Luther sagte: "Musica ist eine Disziplin ..., so die Leute gelinder, sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger macht." Neben dem allgemeinen medizinischen Nutzen bietet das Klavierspiel insbesondere für Jugendliche die Möglichkeit zur persönlichen Identifikation und Gruppenbildung. Gemeinsames Musizieren senkt bei männlichen Jugendlichen nachweisbar die Konzentration des Aggressionshormons. Die Produktion der Hormone, die soziale Bindungen fördern, wird deutlich erhöht. Besonders für Erwachsene und Senioren ist Klavierspielen ein ideales Mittel, negativen Stress abzubauen. Wie neue neurophysiologische Untersuchungen zeigen, wirkt sich die Motorik des Klavierspielens positiv auf die vegetativen Funktionen unseres Körpers aus, wie z. B. Gedächtnis, Konzentration, Kombinationsvermögen usw. Gerontologische Untersuchungen belegen, dass das aktive Musizieren, insbesondere das Klavierspiel, die Funktion eines Gehimjoggings bekommen kann. Dies gilt für jüngere wie ältere Menschen. Es ist nie zu spät, das Klavierspielen zu erlernen. Verloren gegangene motorische Fähigkeiten können durch gezieltes Üben wiedererlangt werden und wirken sich positiv auf die genannten Gehirnfunktionen aus. Wer Klavier spielt, hat mehr vom Leben. Der erfahrene Hörer hört nicht allein die einzelnen Töne, sondern nimmt musikalische Strukturen, wie Rhythmen, Melodien, Harmonien und Formen wahr. Um diese Strukturen zu erfassen und sinnvoll zu ordnen, bedarf es geistiger Arbeit, für die viele Gehirnareale gleichzeitig beansprucht werden. Gesteuert wird das Zusammenspiel der Areale durch die Frontlappen. Sie bilden eine Kontrollinstanz, eine höhere Hierarchie- die für Eigenschaften wie Planung, Anstrengung, Disziplin und Willen verantwortlich ist. Auf diese Weise ist das Hören auf hohem Niveau geistig fordernd und fordernd. Insbesondere werden das Kurzzeitgedächtnis und die Aufmerksamkeit trainiert. Das Hören auf hohem Niveau, also das Hören komplexer Musik - nicht der reinen Unterhaltungsmusik - kann anstrengen, aber es schafft letztendlich durch das Erfassen tiefer Strukturen und Sinn­zusammenhänge Bestätigung, Freude und Spaß.


Zusammenfassung in Kategorien:

Die Wirkungsweise von Musik unterteilen wir in „Funktion“ der Musik, in biologische Funktion der Musik und Musik in der Therapie. In der Funktionsweise von Musik kann man feststellen, dass schon in der Friihphase menschlichen Lebens, also im Mutterleib, durch Wiegenlieder sozialhumane Verbindungen hergestellt werden. Mikrophonmessungen im Leib der Mutter ließen Wissen­schaftler erfahren, wie deutlich das Ungeborene hört. Verblüffend erschien, wie beruhigend sich die Lieder oder das Gesungene der Mutter auf das beginnende Leben auswirken. Im Kindergartenalter wird durch Singen und Musizieren die Sprachbildung signifikant gesteigert. Umso wichtiger erscheint es, dass Erzieherinnen eine musikalische Grundausbildung erhalten müssten. Disziplin, Spielfreude und Warmherzigkeit wären die angenehmen Nebenwirkungen. Des Weiteren wird die Gruppenbildung durch gemeinschaftliches Singen und Musizieren gefördert. Eine Verhaltenssynchronisation findet z. B. auch durch Arbeiterlieder statt, die Kräfte mobilisieren und damit den Arbeitsmarkt und die soziale Bindung der Arbeitnehmer untereinander positiv beeinflussen. Man denke doch einmal über einen parteiübergreifenden Chor im Deutschen Bundestag nach. Der Umgang der Politiker untereinander wäre um ein Vielfaches humaner, sozialer und damit auch effektiver und gesünder für die Nerven der streitenden Politiker. Musik als Mittel in der Liebeswerbung spielt eine eindeutig große Rolle. Nicht nur große Hollywood-Klassiker verdeutlichen uns in unzähligen Filmszenen, welche wichtige Rolle die Musik in der Vermittlung von Gefühlen auf die oder den Ersehnten spielt. Sie ist das Mittel schlechthin, um die tieferen Regionen der Gefühlsebene zu erreichen und bewirkt damit eine Stimmungsmodulation. Diese Tatsache ließe sich also auch im täglichen Leben gegen schlechte Gefühle einsetzen. Der Klang oder die Vielzahl an Schwingungen können wieder harmonisieren, also eine Balance herstellen. Glücksgefühle als auch die so viel benannten „Gänsehauterlebnisse“ sind durch bestimmte Musikeinwirkung möglich. Erfahrungen, die jeder schon einmal gemacht hat. In allen Religionen der Welt haben die Musik und der Klang einen hohen Stellenwert. Nicht nur Gottesdienstgesänge und eine Vielzahl von Messen, z. B. eines Johann Sebastian Bach, bezeugen die tiefe Verbindung, die Symbiose von Musik und Wort. Der gemeinsame Gesang in der Kirche bewirkt ein starkes Gemeinschaftsgefühl und vermittelt den Menschen ein nicht zu unterschätzendes Kraftpotential, welches das Immunsystem des Menschen zu stärken vermag und damit auch medizinisch helfen kann. Die biologischen Wirkungsweisen von Musik lassen sich in einer gesteigerten Aufmerksamkeit messen. Das Singen von zu lernenden Vokabeln, Gedichten, Texten aller Arten erhöht die Fähigkeit des Behaltens. Chinesische Kinder haben ein exzellentes Wortgedächtnis, weil sie im ständigen Einklang mit Musik sprechen und singen. Auch Jesuiten mussten z. B. Schriften von Aristoteles singen. Es geht sogar so weit, dass durch das Singen die Immunabwehr der Schleimhäute erhöht wird. Weniger Erkältungskrankheiten sind die Folge. Aktives Musizieren wird auch sehr erfolgreich in der Rehabilitation von Schlaganfall­patienten eingesetzt. Insbesondere das Klavierspielen bietet Anreize für eine Neuroplastizität und damit eine neue Vernetzung der unterbrochenen Linie zwischen dem Hören und der Hand. Schon nach 20-minütigem Klavierspiel tritt diese Vernetzung ein, nach fünf Wochen ist die Vernetzung messbar und nach Jahren sogar stabil. Der Klavierunterricht sorgt für die Zunahme der Ähnlichkeit in den Hörregionen beider Hirnhälften. Der kleine Finger hat aufgrund seines starken Einsatzes bei Geigern sogar eine bestimmte Repräsentation im Gehirn. Insgesamt ist bei Musikergehirnen eine stärkere Phasenverbindung des Corpus callosum, die Brücke zwischen beiden Hirnhemisphären, zu beobachten. Unter dem CT sahen die Wissenschaftler, dass im nucleus accumbens, im ventralen tegmentum und im Hypothalamus der glücksbringende Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet wird, ähnlich in der Sexualität oder unter Drogenein­flüssen. In der Therapie findet das musikalische Agieren seine Vorteile in der Behandlung der multiplen Sklerose, des Autismus, der Schmerztherapie, in der Behandlung von psychischen Erkrankungen und quasi in fast allen medizinischen Fachrichtungen. Sie wirkt angstlösend, die Ich-Stärke formt sich neu, kathartische Prozesse werden eingeleitet, ein Trance-Flow-Gefühl stellt sich ein. Dass die Musikausübung natürlich bei Demenzerkrankungen angewendet wird, liegt an dem Erinnerungspotential älterer Menschen. Früher gehörte Melodien sind einfach existent und bringen den Erkrankten in eine bewusste Auseinandersetzung mit seinem früheren Leben und seinen Gefühlen. Somit kann die fortschreitende Erkrankung zumindest verlangsamt werden. Wie bereits erwähnt, werden Schlaganfall-Patienten mit großem Erfolg durch das Klavierspielen behandelt. Versuchsreihen haben ergeben, dass die Gruppe, die mit aktivem Klavierspielen beschäftigt wurde, bessere verbale Ergebnisse erzielte, die Aufmerksamkeit gesteigert wurde und die feinmotorische Entwicklung stärker ausgeprägt war als nach der üblichen Krankengymnastik. Dies wurde im EEG in einer deutlich zunehmenden Flussgeschwindigkeit von der linken zur rechten Gehirnhälfte nachgewiesen. Die auditiv-sensomotorische Kopplung, also vom Hören in die Handbewegung erfährt eine positive Entwicklung. Festzustellen ist, dass die Klaviertherapie eine wichtige Behandlungsmethode nach der Katastrophe des Lebens überhaupt ist. Zudem werden Unruhe, Apathie, Angst und einhergehende Depressionen geschmälert. Musik ist die Kunstform, die unmittelbar auf das Gefühl wirkt. Ein Musikgedächtnis hat jeder Mensch, schon bedingt durch die Evolution, des ganzen Entstehens von Leben auf unserem Planeten. Das ganze Universum um unsere Erde ist musikalisch, wenn man bedenkt, dass durch den Urknall vor langer Zeit kosmische Musik in Form von Schwingungen entstanden ist, die heute physikalisch messbar ist. Sogenannte schwarze Löcher schwingen 57 Oktaven tiefer, etwa mit dem Ton B übereinstimmend. Musik ist also in uns, ein Teil von uns und übt große Macht auf unseren Geist und den Körper aus. Musik verbindet uns mit uns selbst und mit anderen. Der amerikanische Musiker Bobby McFerrin bezieht sein Publikum sogar in seinen Konzerten aktiv durch Mitsingen ein. Alle gehen froh gelaunt und singend nach Hause. Sie haben die Musik in sich aufgesaugt... Die Gehirnforschung befindet sich trotz bereits großer Erkenntnisse noch am Anfang. Dennoch wäre jedem Menschen anzuraten, sich mit den Grundkenntnissen der Funktionsweise des Gehirns vertraut zu machen. Es gibt bereits mehrere Bücher zum Thema, „Eine Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ z. B. von Prof. Dr. Gerald Hüther, einem bekannten Neurobiologen und Gehirnforscher. Nach dem Lesen dieses Buches wird der Leser erkennen, welche Kraft die Musik auf den ganzen Organismus ausübt. Die Menschen würden etwas Entscheidendes für die Gesunderhaltung ihres Körpers tun. Das Wohlbefinden hat Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Gelassenheit und Aufmerksamkeit zur Folge. Wie lange brauchen wir noch, um das zu tun, was wir schon lange wissen? Wann bringen wir einen ständig bestehenden Informations­fluss neuester Gehirnforschung in die Kindertagesstätten und Schulen? Wann gelangt die Neurowissenschaft in die Ausbildungssysteme in Koppelung mit den Künsten Musik, Malerei und Literatur als zentrales Anliegen zur Erzeugung einer humanen Gesellschaftsordnung bzw. zu einem menschlichen, sozialen Umgang miteinander? Warum sorgen wir uns nicht um den rasanten Abbau essentiell wichtiger Kulturzentren? Warum bestätigen wir durch Betrachten von gehaltlosen Formaten im TV die profitorientierten Programmmacher? Wir müssen vielmehr darauf achten, mit Menschen in Kontakt zu bleiben, TV-Sehen zu reduzieren, das primäre Streben nach Akkumulation von Geld zu vermindern und den Prozess der Bildung eines aktiv im Leben stehenden Menschen zu fördern. Das Gehirn ist vom Aufbau her ein Sozialorgan. Wir wären gut beraten, nicht den Naturgesetzen zu widersprechen, sondern nach ihnen zu leben. Dazu gehört Leben mit und durch Musik!

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter :

http://www.klavierunterricht-bleibel.de

und unter :

http://www.eurojazz.de

 

Text von Jürgen Bleibel

 



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