Glyphosat-Wiederzulassung trotz Krebsrisiko

‚too big to fail‘?

Deutschland hat insgesamt eine Fläche von 357.125 km², davon werden 52,4% landwirtschaftlich genutzt. Unkrautmangement, bzw. eine ausreichend effektive Unkrautregulierung ist die Ausgangsbasis für eine standortspezifische Ertragsleistung und eine hohe Erntegutqualität.

Einfacher ausgedrückt bedeutet dies: Ohne den Einsatz von Unkrautvernichtern hätte die Landwirtschaft keine Chance. Jährlich werden auf einem Hektar Acker etwa neun Kilogramm Pflanzenschutzmittel eingesetzt und so gelangen täglich eine Vielzahl an Chemikalien in die Umwelt. Pflanzenschutzmittel enthalten einen oder mehrere Wirkstoffe sowie weitere Beistoffe (Stoffe, die einen positiven Effekt auf die Herstellung, Lagerung oder Anwendung haben sollen). Sie werden als Produkt in unterschiedlicher Form, zum Beispiel als Spritzmittel, zur Saatgutbehandlung oder als Granulat, eingesetzt. Im Jahr 2011 waren in Deutschland laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit 691 Pflanzenschutzmittel mit insgesamt 258 Wirkstoffen zugelassen. 43.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel sind 2011 verkauft worden.

Doch leider gilt auch hier, wie in sehr vielen Bereichen des Lebens: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung!
 Pflanzenschutzmittels wirken toxisch auf Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien oder Viren, sogenannte Schadorganismen. Allerdings ist die Wirkung der meisten Mittel nicht auf diese beschränkt. Es können auch andere Tier- und Pflanzenarten geschädigt werden. In Kontakt mit Pflanzenschutzmitteln können diese Arten auf dem Feld, aber auch in umliegenden Gebieten kommen: Wird ein Pflanzenschutzmittel auf einem Feld angewendet, können Spritznebel oder Abriebstäube von behandeltem Saatgut in benachbarte Gewässer oder andere Landschaftsstrukturen gelangen. Auch durch Abschwemmung nach Regen sowie über Drainageleitungen fließen sie in Gewässer. In das Grundwasser – Hauptquelle unseres Trinkwassers – können Pflanzenschutzmittel durch Versickerung gelangen.

Glyphosat ist eines der meistverkauften Pestizide der Welt und wird in Deutschland auf ca. 40 Prozent der Felder eingesetzt, um Unkraut zu vernichten oder beispielsweise die Reife von Getreide zu beschleunigen. Seit jeher ist der Einsatz von  Glyphosat sehr umstritten und soll nun- nach dem Willen der EU-Kommission-  für weitere zehn Jahre in Europa zugelassen werden. Die endgültige  Entscheidung darüber sollen Vertreter der EU-Staaten treffen, bevor zum Jahresende die aktuelle Zulassung ausläuft.


Warum umstritten?

Das in Europa eingesetzte Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu verursachen. Allerdings kam die europäische Chemikalienagentur ECHA im März zu dem Schluss, dass verfügbare wissenschaftliche Erkenntnisse nicht die Kriterien erfüllten, um Glyphosat als krebserregend zu bewerten. Die Substanz schädige indes ernsthaft die Augen und sei giftig für Organismen im Wasser.
Die EU-Kommission legt den nationalen Regierungen in ihrem Vorschlag nun nahe, die Glyphosat-Nutzung an Orten mit viel Publikumsverkehr zu minimieren. Dabei geht es etwa um öffentliche Parks, Sportplätze, Schulgelände, Kinderspielplätze oder die Außenanlagen von Krankenhäusern. Das Verbot bestimmter Beistoffe, die als Risiko für Menschen gelten (POE-Tallowamine), soll aufrecht erhalten werden.
EU-Staaten konnten sich bisher nicht einigen
Die Europäische Kommission will die Neuzulassung von Glyphosat nur dann durchsetzen, wenn sie den Rückhalt der Mitgliedsstaaten bekommt. Das erklärte der zuständige EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. Im Umkehrschluss heißt das: Sollte ein Expertenausschuss der Mitgliedsländer mehrheitlich gegen Glyphosat stimmen, könnte auch die Kommission den Wirkstoff verbieten.
Bislang ist die Bundesregierung beim Thema Glyphosat uneinig. Umweltministerin Barbara Hendricks ist gegen eine Neuzulassung des Unkrautvernichters. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt ist dafür. Vor einem Jahr hatte sich Deutschland in dem für Glyphosat zuständigen EU-Ausschuss deshalb enthalten, die EU-Staaten konnten sich nicht auf eine gemeinsame Position einigen – und die Europäische Kommission hat Glyphosat zunächst nur provisorisch für weitere 18 Monate zugelassen. Ein Erfolg für die Zivilgesellschaft, die mächtig Druck gemacht hatte.
Es bleibt dabei: Bei der Bewertung von Glyphosat sind die Wissenschaftler uneins. Die WHO-Krebsforschungsagentur (IARC) kommt zu dem Schluss, es sei „wahrscheinlich krebserregend“, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die europäische Chemikalienagentur (ECHA) teilen diese Einschätzung nicht. Solange es aber begründete Zweifel an der Ungefährlichkeit von Glyphosat gibt – und diese bestehen durch die Einschätzung des IARC weiter – muss die EU-Kommission aus Sicht der Organisation  foodwatch das im EU-Recht verankerte Vorsorgeprinzip anwenden. Das heißt: Solange seriöse Hinweise auf gesundheitliche Risiken im Raum stehen, darf Glyphosat nicht weiter auf dem Acker eingesetzt werden!


Neuzulassung oder nicht?

Organisationen wie foodwatch fordern, dass grundsätzlich allen potenziell schädlichen Wirkstoffen für Pflanzenschutzmittel die Zulassung entzogen werden, sobald es ernsthafte Hinweise auf gesundheitliche Risiken gibt. Das würde dem im EU-Recht verankerten Vorsorgeprinzip gerecht. Denn es darf nicht sein, dass, wenn die eine schädliche Substanz verboten wird, einfach eine andere, genauso schädliche, gespritzt wird.
Bei künftigen Zulassungsverfahren dürfen nur noch solche Wirkstoffe und Präparate als Pflanzenschutzmittel zugelassen werden, die transparent und unabhängig toxikologisch bewertet wurden und bei denen keine substantiellen Hinweise auf gesundheitliche Risiken für Verbraucherinnen und Verbraucher vorliegen – sei es für die Wirkstoffe selbst oder für die zahlreichen Zusätze in den anwendungsfertigen Präparaten.
Die Analyse mit dem Titel "Glyphosat und Krebs: Systematischer Regelbruch durch die Behörden" wurde vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN), dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und dem Umweltinstitut München unterstützt.
"Nur unter massiver Verletzung der eigenen Regeln und Richtlinien war es den EU-Behörden möglich, die krebsauslösende Wirkung von Glyphosat zu leugnen", erläutert der Autor der Analyse, Peter Clausing, Toxikologe und PAN-Vorstandsmitglied. Alle mit der Bewertung befassten Behörden, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) hätten die Krebsbefunde systematisch weg interpretiert. "Sieben der zwölf von den Behörden ausgewerteten Langzeitstudien belegen Krebsbefunde."
"Die Schlussfolgerung hätte lauten müssen: Keine EU-Wiederzulassung für Glyphosat," so Clausing weiter. "Nach EU-Recht reichen zwei voneinander unabhängige Studien an Versuchstieren aus, um eine Substanz als krebserregend einzustufen. Eine Einstufung als 'wahrscheinlich krebserregend' muss zu einem Verbot führen." Der Toxikologe verweist darauf, dass die Beweislage gezielt geschwächt wurde, etwa indem eine mit schweren Qualitätsmängeln behaftete Studie unangefochten blieb, um das Fehlen von Tumoreffekten zu "beweisen", während eine andere, wichtige Studie mit fadenscheinigen Argumenten von der Bewertung ausgeschlossen wurde. "Ich bin empört, wie unverfroren und selektiv die Behörden bei der Studienauswahl vorgegangen sind. Wären die Behörden korrekt vorgegangen, müssten sie auch die drei Studien akzeptieren, die einen Krebseffekt für den gleichen Tumortyp zeigen und sie hätten keine handfeste Studie anführen können, die dagegen spricht."
"Die Bewertung folgt politischen, nicht wissenschaftlichen Vorgaben", so Heike Moldenhauer, BUND-Glyphosatexpertin. "Offenbar ist Glyphosat ein systemrelevantes Herbizid und damit 'too big to fail'. Die EU-Kommission macht deutlich, dass sie von einem überholten Agrarmodell nicht abweichen und am Einsatz des weltweit meistgespritzten Ackergifts nicht rütteln will. Den beteiligten EU-Behörden sind die Geschäftsinteressen von Monsanto und Co. wichtiger als die Gesundheit der Menschen."
Karl Bär, Referent für Agrarpolitik im Umweltinstitut München, fordert politische Konsequenzen: "Die Vertreter der EU-Mitgliedstaaten, die über Glyphosat beraten, dürfen dem fehlerhaften Urteil der Behörden nicht folgen. Sie müssen das in der EU geltende Vorsorgeprinzip anwenden und ein Verbot von Glyphosat durchsetzen. Die Gesundheit von 500 Millionen EU-Bürgern steht auf dem Spiel."


Die Glyphosat-2-Minuten-Information

Glyphosat ist das in Deutschland und der Welt am häufigsten eingesetzte Pflanzengift; es wird auf 40 Prozent der deutschen Ackerfläche eingesetzt.
Es ist laut Krebsforschungsagentur der WHO wahrscheinlich krebserregend beim Menschen und es zerstört die biologische Vielfalt.
70 Prozent der Deutschen sind für ein Verbot von Glyphosat, bei über 70 Prozent lässt es sich im Urin nachweisen.
Die EU-Pestizidgesetzgebung und das Zulassungsverfahren von Glyphosat sind auf die Bedürfnisse der Hersteller zugeschnitten. Übrigens: Die Chemieindustrie ist der drittgrößte Industriezweig Deutschlands.
Deutsche Behörden lassen die notwendige kritische Distanz zu den Pestizidherstellern vermissen.
Glyphosat muss verboten werden!



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