Volksdroge Zucker

Wie die Zuckerindustrie uns krank macht

Sie dachten Ketchup besteht aus Tomaten. Das ist leider nur die halbe Wahrheit. Im Durchschnitt bringt es jeder Esslöffel Ketchup auf ein ganzes Stück Würfelzucker. Auf den Liter Ketchup macht das fast 90 Stück Würfelzucker. Und das ist leider nur die Spitze des Eisberges.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, höchstens 10% der täglichen Energiemenge in Form von Zucker aufzunehmen. Bei einem durchschnittlichen Bedarf von ca. 2.000 kcal einer erwachsenen Frau bedeutet das: 50 Gramm Zucker pro Tag, mehr nicht. Erreichen kann man das schon mit dem Verzehr eines Löffels Marmelade, einem Fruchtjoghurt und einem Stück Kuchen. Überschritten werden die 50 Gramm Zucker bereits mit einem halben Liter Colagetränk! Das bedeutet, wir Deutschen essen rund 37 kg Zucker im Jahr. Bei den Getränken kommen wir zusätzlich nochmals auf rund 6 kg.
Konsumiert wird in Form von Schokolade, Bonbons und anderer Zuckerwaren, wie kandierte Früchte, Marzipan und Fruchtgummi. Doch nicht nur die klassischen Süßigkeiten treiben den Zuckerkonsum ins Uferlose. Knabberkram wie Flips, Chips oder Cracker enthalten ebenfalls große Mengen Zucker. Und, den meisten Verbrauchern gar nicht bewusst. Zwei Drittel des durchschnittlichen Jahresverbrauchs werden industriell in Getränken, Backwaren, Brotaufstrichen und Milchprodukten verarbeitet.
Wird zu viel Zucker konsumiert, geht das auf Kosten anderer gesündere Lebensmittel, aber aucht Fehlernährung oder auch Übergewicht können langfristig die Konsequenz sein. Eine für die Zuckerlobby eher unbequeme Wahrheit. Obwohl die Fakten eine eindeutige Sprache sprechen, versucht die Zuckerwirtschaft die Fakten zu verharmlosen damit die Bedeutung einer unausgewogenen Ernährung herunter zu spielen.
„Die Zuckerindustrie verhält sich wie früher die Tabak-Konzerne: Mit Falschaussagen werden die Gefahren der Produkte verschleiert und unliebsame politische Initiativen verhindert. Jetzt belügt die Lobby sogar Abgeordnete des Deutschen Bundestags, um ihr Geschäftsmodell zu verteidigen“, sagte Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen von foodwatch. 
Die Organisation kritisiert, zurecht, dass in der Debatte um Übergewicht und Zucker zahlreiche Mythen verbreitet werden. Das trifft sowohl aufführende Vertreter der Lebensmittelwirtschaft als auch auf Spitzenpolitiker. Darum veröffentlichte foodwatch  ein Papier mit den sieben größten „Zucker-Mythen“:


Mythos 1: „Der Mensch hat einen Zuckerbedarf.“

Bundesernährungsminister Christian Schmidt behauptete in einer ARD-Talkshow, dass „jeder Mensch Zucker“ brauche. Tatsache ist: Es gibt keinen Bedarf, Zucker als Lebensmittel aufzunehmen. Das menschliche Gehirn benötigt zwar eine bestimmte Menge an Glukose am Tag. Der Körper ist jedoch in der Lage, diese Glukose beispielsweise aus Stärke aufzuspalten, die etwa in Brot und Nudeln enthalten ist. 


Mythos 2: „Zuckergetränke machen nicht dick.“

Zwischen dem Konsum zuckergesüßter Erfrischungsgetränke und Übergewicht „besteht keine Kausalität“, sagt die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (wafg). Das ist falsch: Es herrscht ein breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, dass ein erhöhter Konsum zuckergesüßter Getränke die Entstehung von Übergewicht fördert – sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern. Zahlreiche medizinische Fachgesellschaften teilen diese Auffassung, darunter die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die British Medical Association und die internationale Adipositas Gesellschaft „World Obesity“.

 


Mythos 3: „Der Zuckerverbrauch ist konstant.“

Die Lebensmittellobby behauptet, dass die Absatzzahlen für Zucker seit Jahrzehnten konstant seien. Deshalb könne Zucker gar keine wesentliche Ursache für den Anstieg von Übergewicht sein. Doch das ist nicht richtig: Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch von Haushaltszucker (Saccharose) seit etwa 1985 konstant bei 30 bis 35 kg im Jahr. Doch diese Statistik lässt andere Zuckerarten außen vor, darunter Glukose, deren Verbrauch sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten mehr als versechsfacht hat. Insgesamt ist der Pro-Kopf-Verbrauch der Zuckerarten Saccharose, Isoglukose, Glukose und Honig im Zeitraum von 1960 bis 2012 um mehr als 30 Prozent gestiegen.  


Mythos 4: „Ernährungsbildung ist das beste Mittel gegen Übergewicht.“

Ernährungsbildung „schon im Kindesalter“ sei „das beste Gegenmittel“ gegen Fehlernährung und die gesundheitlichen Folgen, so der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Ähnlich äußerte sich auch Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbands der Lebensmittelwirtschaft (BLL). Fakt ist: Nach Auswertung zahlreicher Studien kommt Professor Manfred James Müller, einer der Vorstandssprecher des staatlich geförderten Kompetenznetzes Adipositas, zu dem Schluss, dass mit Ernährungsbildung die Häufigkeit von Übergewicht bei Kindern lediglich um ein Prozent gesenkt werden kann. „Diese Strategie ist gescheitert, die steigende Zahl chronisch Kranker zeigt dies deutlich“, folgert die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), ein Zusammenschluss aus 17 medizinisch-wissenschaftlichen Fachorganisationen. Sie fordert stattdessen, eine gesunde Lebensweise zu erleichtern, beispielsweise durch eine Änderung des Lebensmittelangebots, der Kennzeichnung oder des Marketings an Kinder.

 


Mythos 5: „Wir nehmen heute nicht mehr, sondern weniger Kalorien auf als früher.“

„Die Deutschen nehmen heute nachweislich nicht mehr Kalorien auf als früher“, so Günter Tissen, Geschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ). Daten der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zeigen allerdings: Die Kalorienaufnahme in Deutschland ist seit den 1960er-Jahren deutlich angestiegen. Zu diesem Schluss kommen auch die EU-Kommission und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).


Mythos 6: „Lebensmittelsteuern zeigen nicht die gewünschte Wirkung.“

Ist eine Zuckersteuer oder eine Hersteller-Abgabe auf überzuckerte Getränke ein Mittel gegen Übergewicht? Führende Politiker meinen „Nein“. Die „Erfahrungen in anderen Ländern“ zeigten, dass „Strafsteuern auf zucker-, fett- und salzhaltige Produkte bzw. Verbote keinen nachhaltigen Erfolg“ hätten, so Gitta Connemann, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Doch das Gegenteil stimmt: In Mexiko, Finnland, Berkeley oder auch Frankreich ging der Zuckergetränke-Konsum nach Einführung einer Limo-Steuer zurück. In Ungarn änderten 40 Prozent der Hersteller nach Einführung einer Steuer ihre Rezepturen. Es sei bewiesen, so die WHO, dass eine 20-prozentige Sondersteuer einen etwa 20-prozentigen Rückgang im Konsum zur Folge hat. 


Mythos 7: „Jeder ist selbst für sein Gewicht verantwortlich. Wer staatliches Handeln fordert, hält die Verbraucher für unmündig“

„Verantwortung für seine Gesundheit hat jeder selbst“, sagt Bundesernährungsminister Christian Schmidt. Was logisch klingt, hat einen Haken: Wir leben in einer Welt, die dick macht. Es wird uns erschwert, die gesunde Wahl zu treffen. Die frühere Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, hat dies in einer Rede im Jahr 2013 auf den Punkt gebracht: „Kein einziger Staat hat es geschafft, die Fettleibigkeits-Epidemie in allen Altersgruppen zu stoppen. Hier mangelt es nicht an individueller Willenskraft. Hier mangelt es am politischen Willen, sich mit einer großen Industrie anzulegen.“
Laut deutscher Gesellschaft für Ernährung sind rund ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland – 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen – ist laut Robert-Koch-Institut fettleibig (BMI ≥ 30). Adipositas bei Kindern sowie Erwachsenen hat in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Das verursacht nicht bloß individuelles Leiden der Betroffenen, sondern auch erhebliche gesamtgesellschaftliche Kosten: Allein durch Adipositas entstehen in Deutschland jährlich etwa 63 Milliarden Euro Folgekosten.  Die WHO und die OECD  sprechen von einer „globalen Adipositas-Epidemie“. Ein Zusammenschluss von deutschen Fachgesellschaften warnt vor einem „Tsunami chronischer Krankheiten“,  denn Adipositas erhöhe nachweislich das Risiko für die Entstehung von zahlreichen chronischen Krankheiten, darunter Herzkrankheiten, Typ-2-Diabetes sowie diverse Krebsarten.



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