50 Jahre Skulptur – Projekte in Münster

Die Geschichte der Skulptur Projekte ist eng mit der Idee verknüpft, nicht nur mit Kunst, sondern auch für Kunst eine Öffentlichkeit zu schaffen – im Gegensatz zu vielen Projekten im öffentlichen Raum seit den späten 1990er Jahren, in denen häufig Fragen der sozialen und wirtschaftlichen Stadtentwicklung im Vordergrund stehen.

Klaus Bußmann, der damalige Kustos und spätere Direktor des Westfälischen Landesmuseums, initiierte die Ausstellung 1977 gemeinsam mit Kasper König, der seitdem als Kurator jede Ausgabe in unterschiedlichen Teamkonstellationen mitverantwortet hat. Den ersten Skulptur Projekten vorausgegangen war ein öffentlicher Streit um George Rickeys kinetische Skulptur
„Drei rotierende Quadrate“, die 1975 in Münster aufgestellt worden war. Gegen die tonangebenden Stimmen der Stadt, die diese ästhetische Setzung geradezu verteufelten, boten die Skulptur Projekte eine Art Selbsterfahrungsprogramm an, um einem breiten Publikum eine alltägliche Auseinandersetzung mit moderner Skulptur zu ermöglichen. Selbst wenn sich das Verhältnis mittlerweile ins Gegenteil verkehrt und die Stadt Münster seit spätestens 1997 die Ausstellung als Alleinstellungsmerkmal für sich entdeckt hat, sind die Skulptur Projekte durch diese kontroverse Entstehungsgeschichte geprägt.

Die Realisierung der Ausstellung transportiert dabei per se eine politische Botschaft: Mithilfe öffentlicher Gelder markieren die Skulptur Projekte die Bedeutung des öffentlichen Raums als eine für das gesellschaftlich-kulturelle Zusammenleben unabdingbare, heterogene Sphäre, die keinen wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden darf. Die Unterstützung des Projekts vonseiten der Stadt Münster, des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, des LWL-Museums für Kunst und Kultur, der Kulturstiftung des Bundes, der Sparkassen-Finanzgruppe und zahlreichen weiteren Partnern erfolgt in vollem Respekt für diese grundsätzliche Autonomie.


Münster als Bohrinsel

Der großzügige Realisierungsrhythmus von zehn Jahren unterscheidet die Skulptur Projekte deutlich von anderen internationalen Großausstellungen. Das im Laufe der Jahrzehnte kontinuierlich gewachsene Renommee geht kuratorisch mit großer Verantwortung einher, aber auch mit einer großen Freiheit. Die vorhandene Breitenwirkung und das gleichbleibende Setting mit der Stadt Münster als Austragungsort und erfahrenem Kooperationspartner erlauben ein kompromissloses Bohren in die Tiefe. Seit 1977 bilden dabei mehrtägige und kontinuierliche Besuche von zunächst unverbindlich eingeladenen Künstler_innen den Ausgangspunkt für die Ausstellungsentwicklung. Die Projektvorschläge werden diskutiert und erst mit den realisierten Arbeiten kristallisiert sich das Profil der jeweiligen Skulptur Projekte heraus – in seinen Konturen oftmals rückblickend wesentlich klarer zu erkennen als im Prozess der Umsetzung. Jede Ausstellung spiegelt als Langzeitstudie sowohl eine  facettenreiche Auseinandersetzung mit der Stadt Münster, als auch wichtige künstlerische und gesellschaftliche Fragestellungen ihrer Zeit. Ungeachtet des Verbleibs von zahlreichen Arbeiten in der Stadt sind die Ausstellungen selbst jeweils temporär angelegt, insofern haben bis heute sowohl das Wort Skulptur als auch das Wort Projekte im Titel ihre Berechtigung.


Fenster zum Hof

Wie bei einem guten Krimi, bei dem es neben der großartig inszenierten Handlung stets auch noch um etwas Anderes geht – exemplarisch sei hier Hitchcocks Fenster zum Hof (1954) genannt, der sich dem Voyeurismus der Kinozuschauer widmet –, hält die Frage nach Mechanismen, Formwerdungen und Wirkungen von Digitalisierung und Globalisierung die fünfte Ausgabe der Skulptur Projekte auf einer zweiten, tiefer reichenden Ebene zusammen. Sie dient als imaginärer Leitfaden für kuratorische Entscheidungen.

Eine Plattform dieser Überlegungen stellt die im Vorfeld veröffentlichte Publikationsreihe mit dem Titel Out of ...dar. Jedes der drei Hefte geht von einem Begriff aus, der fundamental mit der Erfahrung von Skulptur und Projekten im Außenraum verknüpft ist: Körper, Zeit und Ort. Gegenwärtig scheinen diese Begriffe durch die Virtualisierung und rasante Beschleunigung von Kommunikations- und Handelswegen zunehmend unscharf zu werden – bis hin zu ihrer möglichen Auflösung: Out of Body, Out of Time, Out of Place.


Verkörpern und Verschwinden

Stärker als in den vorangegangenen Ausstellungen beziehen die Skulptur Projekte 2017 performative Formate mit ein. Dieses Interesse speist sich sowohl aus der gegenwärtigen Praxis vieler Künstler_innen als auch aus kulturwissenschaftlichen Überlegungen: Das Verschwinden des Körpers im digitalen Raum macht ihn zu etwas,  das besondere Beachtung verdient. Eine performative Situation definiert den Körper als Subjekt und Objekt der Wahrnehmung zugleich und setzt ihn als „Material“ zur  gebauten Umwelt in Beziehung. Die lebendigen Künste dabei über die Ausstellungsdauer von dreieinhalb Monaten aufrechtzuhalten und gleichzeitig eine festivalartige Programmierung zu vermeiden, stellt eine Herausforderung dar, der wir mit einer großen Bandbreite an unterschiedlichen Forma ten begegnen. Künstler_innen wie Alexandra Pirici, Xavier le Roy gemeinsam mit Scarlet Yu oder die Gruppe Gintersdorfer/Klaßen wählen dafür jeweils eigene Wege, die von einer Beteiligung zahlreicher Münsteraner Bürger_innen über das Weitergeben von Handlungsanweisungen an ausgewählte Tänzer_innen bis hin zur kontinuierlichen Zusammenarbeit mit einem großen Netzwerk unverwechselbarer Performance-Stars reichen.


Standbein, Spielbein

Die Skulptur Projekte 2017 nutzen einen weiten Radius. Etliche Standorte befinden sich in vier bis fünf Kilometer Abstand zum Zentrum und machen die Stadt abseits ihres touristischen Bilderbuch-Kerns erfahrbar. Innerhalb der großzügig über die Stadt verteilten Ausstellungstopografie nehmen dabei das Theater im Pumpenhaus und  das Museum strukturell zentrale Positionen ein.
Mit dem Theater im Pumpenhaus kooperieren wir bewusst mit einer Institution aus dem Bereich der darstellenden Künste, die durch die Skulptur Projekte jedoch gänzlich anders genutzt wird. Statt wechselnder Gastspiele steht die Bühne für die Dauer der Ausstellung ausschließlich der Gruppe Gintersdorfer/Klaßen zur Verfügung, die dort regelmäßig Performances zeigen und gleichzeitig mit Kabuki Noir Münster eine neue Aufführung entwickeln wird. Der Vorplatz der unter der Leitung von Ludger Schnieder bereits gut in das Münsteraner Kulturleben eingeführten Spielstätte dient darüber hinaus als Standort für ein großes Feuer des Künstlers  Aram Bartholl, an dem sich mithilfe einer „Stockbrot-Technik“ Handys aufladen lassen. Es wird einen Gastronomiebereich geben, zudem bieten Studierende der Kunstakademie Münster aus der Klasse von Aernout Mik ein performativ-absurdes Kunstvermittlungsprogramm an. Mit diesen „Services“ ausgestattet, fungiert das Pumpenhaus wie ein alternatives Gegenüber zum Museum.

 

Das Perforierte Museum

Das Westfälische Landesmuseum, heute LWL-Museum für Kunst und Kultur, ist traditionell als Veranstalter eng mit den Skulptur Projekten verknüpft. Das Verhältnis zwischen Institution und städtischem Außenraum wurde seit 1977 in jeder Ausstellung etwas anders gewichtet, aktuell stellt der Ende 2014 eröffnete Neubau des Museums für die Skulptur Projekte eine zusätzliche Herausforderung dar. Der Entwurf der Berliner Staab Architekten betont den öffentlichen Charakter der Institution mit einem ebenerdigen Foyer, das nicht nur als Eingang zur Sammlung angelegt ist, sondern auch Domplatz und Innenstadt miteinander verbindet. Gleichzeitig heben das hohe, lichtdurchflutete Foyer sowie die Besucherführung in die oberen Stockwerke die repräsentativen Funktionen des Gebäudes hervor. Diese Situation wirft Fragen zum Selbstverständnis des Museums auf: Handelt es sich tatsächlich um einen öffentlichen Ort? Welche Art von Öffentlichkeit wird hergestellt? Welcher Stellenwert wird den traditionellen Museumsaufgaben des Sammelns und Forschens beigemessen und welche Rolle spielt Kunst als Ausdruck eines bestimmten Lifestyles?


Mit dem Lichthof im Altbau, dem Foyer des Neubaus und einem Teil der oberen Ausstellungsräume dienen drei ausgewählte Situationen als Projektstandorte. Die Künstler_innen, die im Museum arbeiten, schreiben sich mit ihren Installationen in die genannten Räume ein und reflektieren ihre strukturellen Gegebenheiten: Gregor Schneider verwandelt den Wechselausstellungsbereich in eine Privatwohnung, die nur über den Notausgang zu betreten ist; Nora Schultz dimmt im Foyer das Licht und durchbricht mithilfe von ungelenken Drohnenaufnahmen die in der Architektur angelegten Wahrnehmungsperspektiven.


Weitere Informationen über die aktuellen Skulptur- Projekte 2017 finden

Interessierte unter:
www.skulptur-projekte.de


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