Familie im Trend

In Europa steigen Geburtenraten in reicheren Regionen

Lange glaubten Demografen, dass in reicheren Bevölkerungen weniger Kinder pro Frau zur Welt kommen. Doch dies stimmt für Europa nicht mehr. Dort tendieren heute Regionen mit höherem Einkommen zu höheren Geburtenraten, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock und der Freien Universität Berlin festgestellt haben.

Die Chancen stehen gut, dass steigendes Einkommen in Europa künftig nicht mehr zu niedrigeren Geburtenraten führen wird, sagen die Wissenschaftler. Sie widersprechen damit der weit verbreiteten Vorstellung, dass mit wachsendem Wohlstand die Zahl der Kinder pro Frau sinkt. Diese Beobachtung traf zwar für den Großteil des 20. Jahrhunderts zu, als die Geburtenraten in fast allen hochentwickelten Ländern bis unter das so genannte „Bestandserhaltungsniveau“ von 2,1 Kindern pro Frau fielen – zum Teil sogar deutlich darunter.

Neue Regionaldaten der letzten drei Jahrzehnte für 20 europäische Länder zeigen nun allerdings, dass der Zusammenhang aus dem letzten Jahrhundert nicht mehr gilt. Heute tendieren europäische Regionen mit höherem Einkommen eher zu höheren Geburtenraten. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Sebastian Klüsener und Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung jetzt zusammen mit Jonathan Fox von der Freien Universität Berlin im Wissenschaftsmagazin European Journal of Population veröffentlicht haben.

 



Bei der Untersuchung von rund 250 europäischen Regionen entdeckten Klüsener, Myrskylä und Fox dort, wo das Entwicklungsniveau hoch war, einen positiven Zusammenhang zwischen Geburtenraten und Einkommen. Dieser Zusammenhang lässt sich sowohl für Europa als Ganzes feststellen, als auch innerhalb einer zunehmenden Zahl europäischer Länder. Der positive Trend entstand erst in jüngerer Zeit und existierte vor wenige Jahrzehnten noch nicht.

Wie die Analyse auf Ebene einzelner Länder zeigte, gab es auch 2012 noch einige Staaten, in denen mehr Einkommen regional zu niedrigeren Geburtenraten führte. Doch in allen Ländern, in denen noch 1990 dieser negative Zusammehang galt, wandelte sich der Trend innerhalb der letzten 20 Jahre entweder zu einer positiven Verbidung oder aber die Stärke des negativen Trends hat nachgelassen. „Diese Ergebnisse können unsere Sichtweise auf die künftige Größe und die Alterung der Bevölkerung verändern“, sagt Max-Planck-Direktor Mikko Myrskylä.

In der Vergangenheit hatte das sogenannte ökonomisch-demografische Paradoxon vielen Kopfzerbrechen bereitet, wonach Bevölkerungen oder Bevölkerungsgruppen mit höherem Einkommen und höherer Bildung dazu tendierten, weniger Kinder zu bekommen, obwohl sie eigentlich mehr Ressourcen hatten. Einige Demografen erwarteten, dass die Geburtenraten unweigerlich immer weiter fallen und weit unterhalb von 2,1 Kindern pro Frau verharren würden, solange die positive wirtschaftliche Entwicklung anhält. Das Ergebnis waren Prognosen von rapide schrumpfenden und alternden Gesellschaften, in denen der Wunsch nach Kindern verschwindet und eine Kultur der Kinderlosigkeit entsteht.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Entwicklungsstand einer Region auf hohem Niveau nicht mehr als ‚Verhütungsmittel’ wirkt, sondern potenziell sogar höhere Geburtenraten begünstigt“, sagt Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung. Dies dürfte sehr wahrscheinlich die regionalen Fertilitätsmuster verändern: Hoch entwickelte Metropolregionen mit bisher unterdurchschnittlichen Geburtenraten könnten in Zukunft zu Hochburgen der Fertilität werden. Solche Tendenzen zur Trendumkehr bedeuten nicht zwangsläufig, dass sich die Geburtenraten auf ein hohes Niveau von etwa zwei Kindern pro Frau zubewegen. Die Veränderung kann auch auf niedrigerem Geburtenniveau stattfinden.


Mehr Kinder durch mehr Kinderbetreuung, Telearbeit und Migration

Die Gründe für die Trendwende im Verhältnis von Ökonomie und Fertilität sehen die Forscher vor allem im Ausbau der Familienpolitik und in flexibleren Arbeitsbedingungen, die es erlauben, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren. „Sogar in Gebieten mit sehr niedrigen Geburtenraten wollten die Menschen schon immer mehr Kinder“, sagt Demograf Mikko Myrskylä. „Jetzt greifen moderne familienpolitische Maßnahmen und Arbeitsbedingungen, die es ihnen ermöglichen, die größeren Familien zu haben, die sie sich wünschen.“

Die wichtigste Veränderung in der Familienpolitik ist den Forschern zufolge der Trend, unspezifischen Geldzahlungen wie Kindergeld durch eine neue Generation von Maßnahmen zu ersetzen, die darauf zielt, arbeitenden Eltern konkret mit Zeit und Geld zu helfen. „Gerade für die Höhergebildeten ist es hilfreich, die Kinderbetreuung außer Haus auszubauen, Elterngeld-Leistungen auszuweiten, die an das vorherige Einkommensniveau anknüpfen, und eine Rückkehr in den alten Job garantieren“, sagt Mikko Myraskylä. „Dies alles gibt den Eltern Sicherheit für ihre zukünftige Karriere.“ Das sei wichtig, sagt Myrskylä, da in vielen Ländern immer weniger Frauen bereit seien, ihren Beruf aufzugeben, weil sie ein Kind bekommen.

Besser vereinbar werden Arbeit und Familie auch durch weniger starre Arbeitsbedingungen wie Telearbeit, flexible Arbeitsorte oder Arbeitszeiten. Sie befreien Eltern von der Pflicht, Vollzeit am regulären Arbeitsplatz zu sein, und machen es ihnen leichter, Zeit mit der Familie zu verbringen. „In einem gewissen Ausmaß kommt die Arbeit sozusagen wieder nach Hause“, sagt Demograf Sebastian Klüsener. „So wie die Industrialisierung die Leute im 19. und 20. Jahrhundert das Haus verlassen ließ, um zur Arbeit zu gehen, ermöglichen es nun technologische Fortschritte wie das Internet, die räumliche Organisation der Arbeit im 21. Jahrhundert wieder zu verändern.“

 


Neuer Stoff für die Debatte über unsere demografische Zukunft

Ein weiterer wichtiger Faktor sind Wanderungstrends. Hoch entwickelte Regionen sind attraktive Ziele für Menschen, die von außerhalb aber auch von innerhalb des eigenen Landes zuziehen. Einwanderer sind für gewöhnlich gesünder als die Durchschnittsbevölkerung, was tendenziell ihre Fertilität erhöht. Dazu kommen sogenannte Tempoeffekte, da Migranten ihre Familienplanung häufig aufschieben, bis sie sich am neuen Wohnort fest niedergelassen haben. Aus abgelegenen Regionen hingegen wandern gut ausgebildete und aktive Menschen häufig ab. Das wirkt sich dort negativ auf den Partnermarkt und die Geburtenrate aus.

Die Trendwende in der Beziehung von Entwicklungsstand einer Bevölkerung und deren Fertilität hatte Mikko Myrskylä bereits 2009 in einer aufsehenerregenden Studie im Wissenschaftsjournal Nature belegt. Dort hatte er weltweit Staaten mit hohem Entwicklungsstand verglichen. Die aktuelle Studie zeigt nun, dass Trends zu einer solchen positiven Beziehung auf hohem Entwicklungsstand auch innerhalb vieler europäischer Länder zu beobachten sind.



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