Deutschland

Grundwasser in Gefahr

Deutschland hat ein Nitrat-Problem. Viele Grundwasservorkommen überschreiten den gesetzlichen Grenzwert. Schon seit Jahrzehnten bringt die Politik keine ausreichend wirksamen Regelungen zustande. Nun klagt die Deutsche Umwelthilfe für Sauberes Wasser.

Schleichend und von der breiten Öffentlichkeit kaum bemerkt, werden immer mehr Grundwasserbrunnen stillgelegt. Manche Wasserversorger sind gezwungen, tiefere Brunnen zu bohren oder das Wasser zu verschneiden: Sie mischen belastetes Wasser mit saubererem, sodass sie nach wie vor eine gute Qualität liefern können. Der Hintergrund: 28 Prozent der Grundwasser-Messstellen in landwirtschaftlichen Regionen überschreiten den EU-weit geltenden Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter. Dies dokumentiert der jüngste Nitratbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2016. Unter allen EU-Staaten weist Deutschland die zweithöchste Nitrat-Belastung des Grundwassers auf. Bleibt die Situation so bestehen, drohen in Zukunft weitaus höhere Preise für Trinkwasser, denn die Wasserversorger müssen das Nitrat technisch aufwändig herausfiltern. 

 

Ein wirkungsvoller Schutz des Grund- und Trinkwassers ist hierzulande nicht in Sicht. Hauptquelle für die Nitrat-Belastung ist die intensive Landwirtschaft. Trotz Novellierung im Jahr 2017 ist das deutsche Düngerecht ungeeignet, die zu hohe Nitratbelastung des Grundwassers so weit zu reduzieren, dass die Zielwerte der EU-Nitratrichtlinie eingehalten werden. Um die Politik zum Handeln zu zwingen, hat die deutsche Umwelthilfe (DUH) Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das Bundeslandwirtschaftsministerium, eingereicht.

 

Berechtigterweise baut auch die EU-Kommission Druck auf: 2016 hat sie Deutschland beim Europäischen Gerichtshof wegen Nicht-Einhaltens der Nitratrichtlinie verklagt. Daraus könnten Strafzahlungen an die EU resultieren, die letztendlich die Bevölkerung tragen müsste. 

 

Sauberes Grundwasser ist unverzichtbar: 74 Prozent des Trinkwassers stammen hierzulande aus Grundwasserquellen. „Wir wollen nach der ‚Sauberen Luft‘ auch das ‚Saubere Wasser‘ auf dem Klageweg durchsetzen. Unsere Klagestrategie für die Einhaltung der Luftqualitätsgrenzwerte zeigt eindrucksvoll, dass die notwendigen Schritte nur gerichtlich erzwungen werden können. Während Deutschland vor der Kanzlerschaft von Angela Merkel für andere Staaten ein Vorbild im Umweltschutz war und regelmäßig die EU-Normen übererfüllt hat, laufen heute gegen kaum einen anderen EU-Staat so viele Vertragsverletzungsverfahren wegen des Verstoßes gegen EU-Vorschriften wie gegen Deutschland“, sagt Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH. 

 

 

Aus Nitrat wird giftiges Nitrit

Nitrat ist ein wichtiger Pflanzennährstoff. Wir Menschen nehmen es über unsere Ernährung auf: Es steckt in Gemüse und Obst und obendrauf kommt dann noch im Trinkwasser enthaltenes Nitrat. 

Nitrat, ein wasserlösliches Salz, besteht aus den Elementen Stickstoff und Sauerstoff. Für den Menschen ist Nitrat als Vorstufe eines giftigen Stoffs gefährlich: Im Körper kann es zu Nitrit umgebaut werden. Nitrit wiederum behindert den Sauerstofftransport im Blut, was für Säuglinge lebensbedrohlich sein kann. Zudem steht Nitrit im Verdacht, krebserregend zu sein. Laut deutscher Gesetzgebung darf Trinkwasser maximal 50 Milligramm Nitrat pro Liter enthalten – der gleiche Wert, der auch für das Grundwasser gilt. 

 

Hohe Nitratwerte sind ein Alarmsignal

Die hohe Grundwasserbelastung ist ein Signal dafür, dass ein Überschuss an Nährstoffen in die gesamte Umwelt gelangt. Ob Gülle oder „Blaukorn“ – sowohl organische als auch mineralische Dünger enthalten Nitrat. Nehmen die Pflanzen die Nährstoffgaben nicht schnell genug auf, sickern sie aus Wiesen und Äckern ins Grundwasser oder in Gewässer. Bis Nitrat ins Grundwasser gelangt, können Jahre oder sogar Jahrzehnte vergehen. Agrarpolitische Versäumnisse von heute werden also noch späteren Generationen schaden. 

 

Viele Faktoren spielen eine Rolle dabei, wie schnell Nitrat im Boden verschwindet, statt die Pflanzen zu ernähren: Regen spült Dünger schneller in tiefe Bodenschichten und somit ins Grundwasser. Je nach Standort und Gefälle transportieren Niederschläge das Nitrat aber auch direkt in angrenzende Bäche, Flüsse und Seen. Von großer Bedeutung ist schließlich die Bodenbeschaffenheit: Humusreiche Böden halten Wasser und damit auch das darin gelöste Nitrat besser als sandige. 

 

 

 

Intensive Agrarproduktion schadet der Natur

Unsere Landwirtschaft wird stetig intensiviert und belastet die Natur immer stärker. Wo die Nährstofffracht zu hoch ist, verschwinden Magerstandorte und mit ihnen die Grasnelke, das Zittergras und die Echte Schlüsselblume sowie die zugehörige Tierwelt. Zu ihr zählen beispielsweise Schmetterlinge und Wildbienen. Auch den Gewässern schadet ein Übermaß an Dünger, man spricht dann von Eutrophierung. Nicht einmal die Wassermassen der Ostsee verkraften die Nährstoffmengen, die ihre Zuflüsse herantragen. Bei warmen Temperaturen wird das Problem sichtbar: Dann wachsen gigantische Algen- und Bakterienteppiche. 

 

Die Nitratwerte im Grundwasser sind vor allem in Regionen mit intensiver Schweine-, Rinder- oder Geflügelzucht auf ein alarmierendes Niveau gestiegen, denn hier fallen riesige Mengen an Exkrementen an. Die hohe Nachfrage nach Billigfleisch im In- und Ausland heizt die Entwicklung hin zur industriellen Produktion an. Viele Massentierhaltungsbetriebe haben keine oder zu wenige eigene Flächen, auf die sie die Ausscheidungen ihrer Tiere verteilen könnten. aDaher wird Gülle in weit entfernte Ackerbauregionen gekarrt. Gülle aus Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen wird in ostdeutsche Bundesländer und sogar ins Ausland gekarrt. Gleichzeitig nehmen deutsche Landwirte Nachbarländern mit strengeren Düngeregeln die Gülle-Entsorgung ab, vor allem den Niederlanden. 

 

Auch Bioenergieproduktion ist nur dann sinnvoll, wenn sie den Regeln der Nachhaltigkeit folgt. Damit auf unseren Äckern viel verwertbare Biomasse entsteht, werden die Energiemonokulturen aber möglichst kräftig gedüngt. Aus der Biogasanlage fallen stickstoffhaltige Gärreste an. Wohin mit diesem Abfall? Er landet wieder auf dem Acker und verschärft das Nitratproblem. 

 

Wir brauchen ein strengeres Düngerecht 

„Mit seinen zahlreichen Schlupflöchern ist das deutsche Düngerecht viel zu lasch, um negative Umwelteinflüsse ausreichend zu minimieren“, sagt DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. „Der Gesetzgeber muss den landwirtschaftlichen Betrieben klare Grenzen für Stickstoff-Überschüsse setzen, vor allem in besonders belasteten Regionen.“ Die DUH fordert ebenso wie andere Umweltverbände die rasche Ausweitung der sogenannten Hoftor-Bilanz auf alle Betriebe. Sie soll Stoffströme von Stickstoff und anderen Nährstoffen erfassen, Überschüsse dokumentieren und zur gezielten Vermeidung beitragen. Die erlaubte Anzahl von Nutztieren pro Flächeneinheit muss reduziert werden. Für das Ausbringen von Wirtschaftsdünger fordert die DUH längere Sperrfristen im Winter. „Die Länder müssen vorsorgend eine qualifizierte Beratung leisten, aber auch Kontrolle und Sanktionierung übernehmen. Kleine Betriebe sollten durch Ausnahmeregelungen geschützt werden. Auch für Betriebe, die mit Festmist und Kompost arbeiten oder Tiere auf der Weide halten, sollten günstigere Rahmenbedingungen geschaffen werden“, betont Müller-Kraenner. 

 

Ökolandbau leistet einen Beitrag zur Minderung des Nitratproblems. Denn biozertifizierte Tierhaltungsbetriebe müssen anders als konventionelle Landwirte größere Flächen bewirtschaften. Meist sind die Ställe so angelegt, dass Festmist entsteht. Dieser gibt Nitrat langsamer ab als Gülle und bildet zugleich Humus. Auch mit Zwischenfruchtanbau, Mulchen und Einarbeitung von Kompost fördern Ökobauern gesunden, humushaltigen Boden. Mineralischen Dünger dürfen sie überhaupt nicht einsetzen. 

 

Wer Bio-Lebensmittel bevorzugt und seine Fleischmahlzeiten reduziert, entlastet die Nitratbilanz. Verzichten Sie auf Billig-Fleisch! Ersetzen Sie Milchprodukte und Eier öfter durch Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst. Selbstverständlich sollten Lebensmittel nicht verschwendet und weggeworfen werden. Denn: Jeder Salatkopf und jedes Steak hat schon eine Stickstoff-Geschichte zu erzählen.

 

Weitere Informationen unter duh.de



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